VATH
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Verein für australische Treib- und Hütehunde

Herding Seminar 8. - 11. September 2005 mit Larry Painter

Erfahrungsbericht von Matthias Bickel

Nachdem ich bereits im Vorjahr zwei mal mit meiner damals 3-monatigen Finnja vorbeigeschaut hatte wollte ich es nun selber wissen: wie würde mein Hund auf die Schafe reagieren? Würde ihr diese Arbeit Spass machen? Stelle ich selbst mich nicht zu ungeschickt an?

Ich meldete mich gleich für die ganzen vier Tage an, jedoch unter der Voraussetzung, dass wir auch während des Jahres hin und wieder Gelegenheit hätten an den Schafen in der Gertau zu trainieren.

Im ihrem ersten Lebensjahr lernte ich, dass Finnja selbst für einen Cattle Dog noch ziemlich viel Energie hat und diese auch sehr impulsiv einsetzen kann. Vor allem hatte dies Gültigkeit wenn sich in ihrer Nähe etwas Lebendiges zu bewegen begann. Entsprechend auffällig war ihr Verhalten am Morgen des ersten Tages. Mit ihrem lauten Gekläffe und ihrem nach vorne schiessen (wohl verstanden immer noch ausserhalb des Arbeitsgeheges) störte sie den Betrieb ganz ordentlich. Trotz den (zurecht) kritischen Blicken wollte ich an meinem Ziel festhalten, dass ich (so wie meine grossen Vorbilder um mich herum) den Hund bis am Nachmittag des vierten Tages frei zu den Schafen lassen konnte, ohne zusätzliche Entschädigung an Attingers (welche die Schafe zur Verfügung stellten) zahlen zu müssen.

Trainiert wird zu Beginn in einem runden Gehege von ca. 12 Metern Durchmesser (round pen), mit dem Hund an der Leine. In den ersten Lektionen geht es darum dem Hund, zu Beginn noch an der Leine, das Bewegen der Schafe schmackhaft zu machen (was in der Regel NICHT das Problem ist) ohne dabei in Angriff überzugehen (was in der Regel DAS Problem ist). Mein erster Durchgang wurde dann wie erwartet auch zu einer sehr hektischen Angelegenheit. Finnja schoss mit Volldampf Richtung Schafe, fiel in die voll ausgestreckt Leine, wurde entsprechend zurückgeworfen um dann gleich auf's neue Anlauf zu nehmen. Begleitet wurde das ganze mit wildem Gebell in der ACD typischen Tonlage...
Ich schämte mich in Grund und Boden, erinnerte mich aber das Larry erzählt hatte, es sei einfacher einen wilden Hund zu bändigen als einen nicht interessierten zur Arbeit zu motivieren.

Larry Painter ist nicht dafür bekannt zimperlich zu sein und hält auch nichts von antiautoritärer Hundeerziehung. Was er meiner Meinung nach aber absolut intus hat ist das "Timing" für den Wechsel zwischen Strafe und Lob. Ein Exampel von "Zuckerbrot und Peitsche" statuierte er mit Finnja bei unserem Nachmittagstraining des ersten Tages. Er fragte mich, ob ich wirklich daran interessiert sei, dass mein Hund mit dem aggressiven Verhalten gegenüber den Schafen aufhört und, falls ja, ob ich es ihm selber beibringen möchte oder ob er das für mich tun soll. Nachdem ich eingewilligt hatte, dass er diese Lektion übernehmen könne und er mich vorwarnte, dass die nächsten paar Minuten u.U. nicht so toll zum zuschauen werden, begaben wir uns in den Warte- und Ruheraum für die Schafe. Dabei handelt es sich um Gehege von ca. 2,5m Durchmesser in welchen jeweils eine Gruppe von etwas 3 Schafen auf ihren nächsten Einsatz wartet. Sobald wir uns den Schafen näherten zeigte Finnja wieder ihr übliches Verhalten und wollte sofort nach vorne schiessen um das nächste Schaf zu packen. Just in diesem Moment zog ihr Larry mit der Lasso-ähnlichen Leine, ein etwas steiferes Naturhanfseil, eins übers Hinterteil. Zwar heftig genug um sie abzulenken aber ohne sie zu verletzen. Darauf hin zog sie sich etwas zurück, schaute erstaunt nach hinten, wurde in genau diesem Moment kräftig gelobt und gleich zur Weiterarbeit motivert und angehalten.
Dieses Verhalten sollte sich in den nächsten paar Minuten noch zwei weitere Male wiederholen, danach hat mir Finnja während den ganzen verbleibenden drei Tagen kein Schaf mehr angefallen, ohne dabei aber die Motivation verloren zu haben oder gar verängstigt gewesen zu sein. Ich bin davon überzeugt, dass dies vor allem dank Larry's absolut genialem "Timing" von Bestrafung und Belohnung möglich war.

Dieses zweifelsohne etwas barsche Verhalten hängt einerseits damit zusammen, dass es darum geht andere Lebewesen (in unserem Fall die Schafe) vor Verletzungen zu schützen, anderseits das Larry die hier eingesetzten Tiere primär als Arbeitshund versteht. In seiner Welt sind es natürlich ganz andere Kriterien welche aus einem durchnittlichen einen guten Hund machen, da ist der Muschefaktor unwichtig. Nicht das Larry keine Hunde streichelt, wenn es dem Arbeitstraining dient und die Situation erfordert kann er das sehr wohl. Ein Hund der für Herding ausgebildet wird muss den Druck von Schafen die sich im stellen aushalten oder bekommt von wild gewordenen Schafen auch mal eins ab. Da sollte er natürlich auch in der Lage sein mal ein lautes Wort wegstecken zu können ohne gleich geknickt zu sein. Aufgrund der Tatsache, dass jeder Hundehalter selbst seine Zustimmung dazu geben kann und auch darüber befinden muss, ob sein vierbeiniger Kamerad diese Behandlung wegstecken kann, ist dies für mich vertretbar.

Nach dem oben beschriebenen Konfrontationstraining im "Mini"-Pen begaben wir uns zurück ins grosse Gehege und siehe da, Finnja hatte verstanden um was es ging. Sie lief gut kontrollierbar mit steter Geschwindigkeit hinter den Schafen her, interessiert aber lange nicht mehr so übermotiviert. Die Folge davon war, dass mich Larry nur wenige Minuten später anhielt die Leine loszulassen und Finnja frei zu geben. Ich traute meinen Ohren nicht. Sollte das Ziel welches ich mir für den vierten Tage gesteckt hatte tatsächlich schon jetzt erreicht sein? Und genau so kam es, Finnja hielt sich angenehm zurück, war aber denoch stets sehr konzentriert und aufmerksam um ausbrechenden Schafe gleich wieder hinterhereilen zu können.

Die nächsten drei Tage ging es bei uns dann vor allem darum die grundsätzlichen Kommandos des Herdings kennenzulernen und vor allem zu verstehen, in welchen Situationen diese wie anzuwenden sind. Die besondere Schwierigkeit für mich war dabei, dass ich sowohl die Schafe als auch den Hund im Auge behalten musste, dabei auf Larry hören was er mir zu sagen hatte (was ich natürlich zuerst noch innerlich in's Deutsche übersetzen musste) und dabei auch mich selbst noch in die richtige Richtung bewegen sollte.
Frauen sagt man nach, sie könnten im Gegensatz zu Männern mehrere Dinge gleichzeitig tun. Larry Painter mag da eine Ausnahme sein, ich jedenfalls war dabei zu Beginn hoffnungslos überfordert! Die Tatsache, dass mit den Schafen ein zusätzliches, sehr dynamisches Individum hinzukommt macht die Sache nicht leichter.

Trainiert hat man mit dem eigenen Hund lediglich zwei mal 15 Minuten pro Tag (was absolut ausreichend ist), sehr viel lernt man jedoch auch vom zuschauen. Auch wenn ich mich am Ende des Seminars alles andere als sicher fühlte hatte ich doch einiges gelernt über dieses interessante Arbeit, meinen Hund und natürlich auch mich. Die Aussage der erfahrenen "Profis", dass die Verwirrung am Anfang bei allen gross sei aber dann plötzlich das grosse Aha-Erlebnis kommt sowie die Bestätigung von Larry, dass sich meine Finnja für diese Arbeit eigne machte mir Mut. So nahm ich mir vor unter dem Jahr weiterzutrainieren verbunden mit der Hoffnung, dass Larry und Marilyn uns 2006 wieder besuchen und wir dann auf dem erworbenen Wissen weiter aufbauen können.

Zum Schluss gab's dann noch ein Abschiedsküsschen...